Hochsensibilität und Beruf

Hochsensibilität und Beruf

Hochsensible Menschen verfügen über ein ausgeprägtes Wahrnehmungssystem. Das ermöglicht es ihnen, eine Fülle von Informationen aus ihrer Umgebung aufzunehmen und sehr differenziert zu verarbeiten. Es fällt ihnen leicht, komplexe Zusammenhänge zu erfassen und einen umfassenden Blick auf das große Ganze zu werfen. Sie haben eine überdurchschnittliche Fachkompetenz – sowohl interdisziplinär als auch fachspezifisch – und sind aufgrund ihrer Empathiefähigkeit ideale Teamplayer. All diese Eigenschaften machen sie für Unternehmen extrem wertvoll und unverzichtbar.

Doch häufig sind diese Potenziale ihrem beruflichen Umfeld und auch ihnen selbst nicht bewusst. Von Kollegen und Vorgesetzten oft als dünnhäutig und wenig belastbar stigmatisiert, fühlen sie sich mit ihrem speziellen Wahrnehmungssystem den Anforderungen des Berufslebens bisweilen nicht gewachsen. In der Folge bleiben sie weit hinter ihren Möglichkeiten zurück oder werden sogar krank.

Unternehmen, die sich dem Thema Hochsensibilität öffnen, tragen daher sowohl zur Entwicklung ihrer Mitarbeiter als auch zur Entwicklung des gesamten Unternehmens bei. Die Beantwortung folgender zentraler Fragen unterstützt sie dabei:

Hochsensibilität – was sagt die Wissenschaft?

Hochsensibilität ist nicht etwa ein Phänomen unserer Zeit, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, das es schon immer gab. Es geht mit einer komplexen vernetzten Wahrnehmungsfähigkeit einher und ist bei etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen zu finden. Inzwischen wurde es auch bei mehr als hundert Tierarten beschrieben.

Während Hochsensibilität von der Wissenschaft lange Zeit stiefmütterlich behandelt wurde, beschäftigen sich inzwischen Neurologen, Psychologen und Biologen mit der Erforschung dieses Persönlichkeitsmerkmals.

Eine Vorreiterrolle bei der wissenschaftlichen Betrachtung von Hochsensibilität kommt der amerikanischen Psychologin Dr. Elaine Aron zu. Sie begann Mitte der 1990er Jahre, sich dem Thema zu widmen und fasste ihre Forschungsergebnisse in dem 1997 erschienenen Buch „The Highly Sensitive Person“ zusammen, das mittlerweile als Standardwerk gilt.

Sie beschreibt vier Hauptaspekte (DOES-Kriterien), die charakteristisch für hochsensible Menschen sind:

Depth of Processing:
Tiefe und anhaltende Verarbeitung von Sinnesreizen und Informationen

Overstimulation:
Schnelle Überstimulation aufgrund der großen Empfänglichkeit von Reizen (optisch, akustisch, taktil) und der vorhandenen Verarbeitungstiefe

Emotional Reactivity and High Empathy:
Reiches emotionales Innenleben (emotionale Berührbarkeit, Empathie, Sinnsuche) und eine hohe Reaktivität auf physiologische Reize (z. B. Hunger, Kälte, Stressempfinden)

Sensitivity to Subtile Stimuli.
Ausgeprägte Wahrnehmung von subtilen Reizen und Details

Das Ineinandergreifen dieser vier Hauptmerkmale Hochsensibler führt dazu, dass sie auf neue Situation zunächst abwartend und beobachtend reagieren, um dann mit besonderer innerer Sicherheit zu handeln. Ein Verhalten, das insbesondere in beruflichen Zusammenhängen häufig als Schüchternheit oder Zögerlichkeit interpretiert wird. Doch es ist vielmehr die Grundlage für eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Veränderungen.

Anders als vielfach angenommen, sind hochsensible Menschen weder ausschließlich introvertiert noch definieren sie sich nur als emotional besonders verletzlich. Vielmehr verfügen sie aufgrund ihrer niedrigen Reizschwelle, ihrer ausgeprägten Wahrnehmung von Details, ihrer Gewissenhaftigkeit und der Neigung, ihr Handeln im Vorfeld zu reflektieren, über Eigenschaften, die sie zu sehr funktionalen Mitarbeitern, Teammitgliedern und Führungskräften machen.

Aus dem Blickwinkel der Evolution betrachtet, wird dieser Ansatz inzwischen von zahlreichen Wissenschaftlern unterstützt. Denn Hochsensibilität hätte sich nicht etablieren und stabil verankern können, wenn sie sich ausschließlich negativ auf die Fitness der Träger dieses Persönlichkeitsmerkmals ausgewirkt hätte.

Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenspiel von Hochsensibilität und äußeren Einflüssen beschäftigen, zeigen, dass Hochsensible aufgrund ihrer Wahrnehmungsfähigkeit zwar leicht in einen Zustand hoher Erregung geraten, der schnell zu Dauerstresssymptomen führen kann. Gleichzeitig profitieren sie aber auch besonders stark von positiven Erfahrungen. Dabei kommt es vor allem auf ein soziales Umfeld an, das ihnen den nötigen Raum gibt, damit sich die Stärken ihres Persönlichkeitsmerkmals entfalten können.

Machen Sie den ersten Schritt:

Telefon: +49- (0)4183- 791906

Wie nehmen sich Hochsensible selbst wahr?

„Ich war schon immer anders.“ Mit diesem Satz beschreiben sich viele hochsensible Menschen. Häufig ist ihnen gar nicht bewusst, dass Hochsensibilität hinter ihrer vermeintlichen Andersartigkeit steckt. Die Erkenntnis, zu den 15 bis 20 Prozent der Menschen zu gehören, die mit diesem Persönlichkeitsmerkmal geboren wurden und damit nicht allein zu sein, ist für sie meist sehr erleichternd. Doch wie nehmen sich Hochsensible selbst wahr und was skizziert ihre Ansprüche an ihr Berufsleben?

Besonders kennzeichnend für hochsensible Menschen ist ein hoher Anspruch an sich selbst, der ihr gesamtes Handeln bestimmt. Fragt man sie nach ihrer Selbstwahrnehmung, skizzieren sie diese meist mit folgenden Sätzen:

  • „Ich bin ein berührbarer Mensch.“
  • „Sinnhaftigkeit und innere Erfüllung haben einen hohen Stellenwert für mich.“
  • „Ich möchte Dinge im Sinne des Gesamtwohls verändern.“
  • „Mein innerer Veränderungsimpuls soll gelebt werden.“
  • „Zusammenhänge betrachte ich auch auf einer Metaebene.“
  • „Mir macht es Spaß, Verantwortung zu übernehmen.“
  • „Ich möchte meine Ziele erreichen.“
  • „Ich habe ein ausgeprägtes Wertesystem (z.B.: Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, faires soziales Miteinander).“

Diese innere Haltung beeinflusst unmittelbar die beruflichen Erwartungen Hochsensibler, die von folgenden Faktoren geprägt sind:

  • Das innere Erleben sollte nutzbringend in die berufliche Tätigkeit integriert werden.
  • Die Tätigkeit sollte sinnhaft sein.
  • Die sozialen Beziehungen zu Kollegen, Vorgesetzten und Mitarbeiter sollten in einem guten Gleichgewicht sein.
  • Ihr Team sollte sie integrieren und wertschätzen.
  • Die Fähigkeit, Teams ausrichten zu können und als Teamplayer zu agieren, sollte zum Einsatz kommen.
„Hochsensibilität ist keine Schwäche, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, aus dem viele Stärken erwachsen.“
web-avatar-christian-schneider-profil
Dipl.-Ing. Christian Schneider
Geschäftsführer

Welche Erkennungsmerkmale haben Hochsensible?

Für Außenstehende ist es nicht leicht, zu erkennen, ob ein Mitarbeiter, eine Führungskraft oder ein Kollege hochsensibel ist. Mitunter erscheinen die Verhaltens- oder Arbeitsweisen eines hochsensiblen Menschen seltsam oder werden gar als Schwäche gedeutet. Weiß man jedoch um dessen Persönlichkeitsmerkmal, lassen sich seine Eigenschaften nicht nur besser erklären, sondern auch als Stärken einsetzen. Aber an welchen Merkmalen kann man erkennen, ob ein Mensch möglicherweise hochsensibel ist?

  • Zeigt einen ausgeprägten Perfektionismus, die Orientierung am Pareto-Prinzip (80/20) fällt ihm schwer.
  • Möchte Dingen auf den Grund gehen und Sachverhalte hinterfragen.
  • Macht sich viele Gedanken über zwischenmenschliche Vorfälle.
  • Fragt sich regelmäßig, ob er alles richtig gemacht hat.
  • Braucht oft länger, um Entscheidungen zu treffen, was Auswirkung auf sein Handeln hat.
  • Ist in der Lage, mehrere Tätigkeiten gleichzeitig zu erledigen.
  • Verfügt über vielfältige Talente und Skills.
  • Aufgrund seines hohen Leistungsanspruchs fällt es schwer, Aufgaben zu delegieren.
  • Hat häufig Konflikte mit seiner Work-Life-Balance.
  • Als Führungskraft fällt es ihm oft schwer, sich von Mitarbeitern zu trennen.
  • Überfordert manchmal seine Kollegen.
  • Verfügt über gute kommunikative Fähigkeiten.
  • Seine Empathie und sein Mitgefühl sind ausgeprägt.
  • Hat ein stark pro-soziales Verhalten.
  • Ist neugierig auf Neues.
  • Wird im Team häufig als „Schmierstoff“ wahrgenommen.

Welche Stärken haben hochsensible Mitarbeiter?

Anders als vielfach angenommen, sind hochsensible Menschen keine Minderleister, sondern für Unternehmen und Teams sehr wertvoll. Sie haben Eigenschaften, die im Zusammenspiel mit ihren Kollegen das Funktionieren des gesamten Teams erheblich verbessern und für die Bewältigung der Arbeitsaufgaben von großer Bedeutung sein können. Vorausgesetzt, sie agieren in einem positiven sozialen Umfeld, das sie akzeptiert, wertschätzt und ihre Stärken erkennt. Diese sind im Wesentlichen gekennzeichnet von…

  • überdurchschnittlich hoher Fachlichkeit und Kompetenz,
  • vernetzter und komplexer Wahrnehmungsfähigkeit, die zu einer Verknüpfung von Kompetenzen führt,
  • einem Blick für das „große Ganze“,
  • starker Identifikation mit dem Unternehmen,
  • Leistungsbereitschaft, die über das erwartete Maß hinausreicht,
  • der Verbindung von Spezialisten- und Generalistentum in einer Person,
  • ausgeprägter sozialer und emotionaler Kompetenz,
  • hohem Maß an Mitgefühl,
  • überdurchschnittlicher Fähigkeit, mit Komplexität umzugehen,
  • hoher Selbstmotivation,
  • starker Leistungsfähigkeit,
  • Vitalität, Gesundheit und Wohlbefinden,
  • guter Stressresilienz.

Machen Sie den ersten Schritt:

Telefon: +49- (0)4183- 791906

Wie entstehen Gesundheit und Leistungsfähigkeit?

Der komplexen vernetzten Wahrnehmungsfähigkeit, die hochsensiblen Menschen zu eigen ist, entspringt eine Vielzahl von Stärken. Gleichzeitig birgt genau diese Wahrnehmungsfähigkeit ein spezielles Risiko: Das Nervensystem Hochsensibler gerät sehr leicht in einen Zustand hoher Erregung, der schnell zu Dauerstresssymptomen (z.B. Burnout) führen kann.

Im Berufsleben trifft dieses ohnehin leicht erregbare Nervensystem auf das normale Stress- und Belastungslevel, das in jedem Unternehmen vorhanden ist und dem jeder Mitarbeiter ausgesetzt ist. Aus diesem Zusammenspiel kann bei hochsensiblen Menschen eine Stresseskalation entstehen, die ihre Leistungsfähigkeit und Gesundheit stark gefährdet.

Hinzu kommt, dass ihre Selbstwahrnehmung und die damit verbundenen beruflichen Erwartungen in ihrer tatsächlichen Arbeitssituation häufig keine Entsprechung zu finden scheinen. In der Folge kann es zu massiven, stark belastenden Konflikten kommen. Diese zeigen sich zwar auch bei normalsensiblen Mitarbeitern, sind aber in ihrer Ausprägung für Hochsensible typisch:

Belastungskonflikte

Entgegen der häufigen Annahme haben Hochsensible keine geringe Belastbarkeit. Vielmehr resultieren ihre Belastungskonflikte aus einer Kombination von drei Faktoren:
1. ihrer Wahrnehmungsfähigkeit und dem damit verbundenen leicht erregbaren Nervensystem,
2. den Anforderungen, die das Unternehmen an sie stellt,
3. dem Druck, den sie sich selbst machen (z. B. aufgrund ihres ausgeprägten Perfektionismus oder dem geringen Vermögen, Aufgaben delegieren zu können)

Wertekonflikte

Hochsensible haben ein ausgeprägtes Wertesystem (z.B.: Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, faires soziales Miteinander), das auch in ihrer beruflichen Tätigkeit seine Entsprechung finden soll. Haben sie das Gefühl, dauerhaft gegen ihre Werte handeln zu müssen, führt das zu massiven Konflikten.

Anpassungskonflikte

Anders als der Begriff vermuten lässt, fällt es Hochsensiblen nicht schwer, sich anzupassen. Ihr Konflikt erwächst stattdessen daraus, dass sie das Gefühl haben, ihre aus der Hochsensibilität resultierenden Stärken nicht in ihre Tätigkeit integrieren zu können. Dennoch versuchen sie, sich an die geforderten Aufgaben anzupassen, verlieren dabei jedoch viel Kraft und Energie.

Sinnkonflikte

Die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit hat für Hochsensible einen sehr hohen Stellenwert. Dabei kommt es ihnen darauf an, grundsätzlich mit dem was sie tun in Verbindung zu stehen. Gleichzeitig ist es ihnen wichtig, von ihrem Umfeld mit ihrer Leistung gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Diese Konflikte, insbesondere die im Berufsalltag sehr bedeutsamen Belastungskonflikte, lassen sich im Coaching mit gezielten Interventionen reduzieren bzw. lösen. Eine wichtige Grundlage dafür bildet das von Dr. Martin Seligman, entwickelte Modell der „Positiven Psychologie“. Es umfasst fünf Faktoren, die maßgeblich zur Entstehung von Gesundheit und Wohlbefinden beitragen:

  • Positive Emotionen
  • Positive Beziehungen
  • Sinnhaftigkeit
  • Engagement (im Flow sein)
  • Zielerreichung

Die Erfüllung dieser Faktoren setzt im Körper nachweisbar eine Reihe biochemischer Prozesse in Gang, die zu einer nachhaltigen Reduktion von Stresshormonen führen.

Insbesondere Hochsensible sprechen auf diese gezielten Coaching-Interventionen sehr gut an. Denn obwohl sie aufgrund ihrer Wahrnehmungsfähigkeit leicht in Stresssituationen geraten, sind sie umgekehrt sehr empfänglich für positive Einflüsse und Erfahrungen. Für sie bewirkt ein Coaching:

  • Reduktion innerer und äußerer Konflikte
  • Entlastung ihres leicht erregbaren Nervensystems
  • höhere Belastbarkeit und Stressresilienz
  • bessere Integration ins Team
  • höhere innere Motivation und Verlässlichkeit
  • besseres Erreichen der gesteckten Ziele im Unternehmen
  • verbesserte Leistungsfähigkeit und Gesundheit